Fast jeder vierte Verkehrsteilnehmer, der im vergangenen Jahr in Frankfurt verunglückte, war mit dem Fahrrad unterwegs. Damit ist das Unfallrisiko für Radler fast doppelt so hoch, wie es nach dem Radverkehrsanteil in der Stadt (2008 waren es rund 13 Prozent) zu erwarten wäre.
Interessant fanden wir in dem Artikel die Ursachensuche, hierzu heißt es u.a.:
Nach der Analyse des VCD werden Radfahrer einerseits durch falsches Verhalten von Autofahrern (Abbiegefehler, Missachten der Vorfahrt, zu hohe Geschwindigkeit), andererseits durch eigenes Fehlverhalten wie Fahren in falscher Richtung gefährdet. Die Stadt hat mit Aktionen, zum Beispiel in der Hanauer Landstraße, versucht darauf aufmerksam zu machen.
Man kann gerne die Probe aufs Exempel an so gut wie JEDER Straße in Frankfurt machen und schauen, ob man mehr Autofahrer mit überhöhter Geschwindigkeit, Verkehrsmißachtungen und Fahrfehlern findet oder mehr Radfahrer, die durch das “Fahren in falscher Richtung” auffallen. Offenbar wird hier von der Frankfurter Verkehrspolitik der Schwarze Peter schon wieder den Radfahrern zugeschoben, die sich angebliches Fehlverhalten unterstellen lassen müssen. Wir empfehlen dem Verkehrsdezernenten Stefan Majer dringend, sich einfach mal selbst aufs Fahrrad zu schwingen und, sagen wir, von der Konsti an die Friedberger Landstraße hoch zu fahren, natürlich korrekt auf der Straße. Er wird viel dazulernen…
Ein bezauberndes Video eines Steher-Rennens kursiert zur Zeit in den Fahrradblogs:
Dieses Rennen lief offenbar am 7. Oktober 1928 auf der Rütt-Arena in der Berliner Hasenheide. Die Bahn bestand nur 1926-1931, sie fand durch einen Brand ein Ende. Heute befindet sich an der Stelle ein Regen-Auffangbecken für den Flughafen Tempelhof. Ein Lokalhistoriker hat die Geschichte der Rütt-Arena im Internet liebevoll zusammengetragen, so kann man immerhin einiges erfahren über die Radrennbahn erfahren, die der Radrennfahrer Walter Rütt nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn betrieb.
Ein weiteres Video auf Youtube beleuchtet Stationen des Karrierewegs von Walter Rütt (1883-1964), der 1911 das Sechstagerennen in Frankfurt gewann, übrigens in der Festhalle an der heutigen Messe.1
Eine Kurz-Biographie von Rütt, seine Zeit als NSDAP-Mitglied und Trainer auf dem Frankfurter Sportfeld nicht aussparend, kann man hier nachlesen.
Interessanterweise findet sich in dem Video nicht nur ein Erinnerungsfoto mit der Aufschrift “Frankfurt am Main” (bei 1:15 min), sondern vor allem “Walter Rütt fährt nur Torpedo-Rad” und “Walter Rütt auf Torpedo-Rad, auf dem er die Weltmeisterschaft gewann”. (Später heißt es dann “Walter Rütt fährt nur ‘Mifa’-Rad“, schon die damaligen Profis mussten halt immer ihr Fähnchen nach dem Wind hängen…;-).
Die Weil- bzw. Torpedo-Werke in Frankfurt stellten vor allem Schreibmaschinen und Fahrräder her (während die “Torpedo-Freilaufnabe” in Schweinfurt hergestellt wurde). Die zunächst in Rödelheim, später an der Hanauer Landstraße 208-214 hergestellten Fahrräder wurden unter den Markennamen “Weil-Räder” und “Torpedo-Räder” vertrieben, die Fertigung lief bis 1956, ab 1952 allerdings in Alzenau (der dortige Nordpark Alzenau schmückt sich noch heute mit der Torpedo-Tradition). In den online zu findenden Firmengeschichten und Beschreibungen finden sich, für deutsche Firmengeschichten nicht untypisch, merkwürdige Lücken für die Jahre zwischen 1933 und 1945 (außer den Zerstörungen der Firmengebäude und Produktionsanlagen, die immer erwähnt werden). Dass die Torpedo-Werke natürlich eng in die Kriegsproduktion eingebunden waren, zeigt dieses Foto eines mit Handgrananten ausgestatten Torpedo-Fahrrads. Die Einbindung in die Kriegswirtschaft ist nicht ohne Geschmäckle und historischen Witz, gehörte doch die Aktienmehrheit der Torpedowerke seit 1931 zum amerikanischen Bürmomaschinenhersteller Remington Rand, der damit nicht nur an der deutschen Kriegsproduktion beteiligt war, sondern auch gemeinsame Wurzeln mit dem noch heute existierenden Waffenhersteller Remington hat. (Wie überhaupt Fahrräder, Schreibmaschinen und Waffen aufgrund ihrer mechanischen Ähnlichkeiten auf merkwürdige Weise verbunden sind, die Torpedo-Werke und Remington sind für diese obskure Mixtur – heißt es nicht immer, die Schreibmaschine sei die Waffe des Wortes? – nur zwei besonders deutliche Beispiele.)
Trotz einer überaus erfolgreichen Büromaschinen-, Fahrrad- und später Mopedproduktion ist der folgende Niedergang der Frankfurter Torpedowerke “typisch für den Abstieg eines 70 Jahre alten deutschen Unternehmens”, der sich liest wie eine New-Economy-Story des Schreibmaschinenzeitalters:
In Glanzzeiten brillierte Torpedo als Kurskomet des Börsenhimmels mit 5000 Punkten, heute sind die Torpedo-Aktien nicht mehr gefragt.
Bis 1958 hatte die Firma mit ihren gängigen mechanischen Schreibmaschinen viel Geld verdient. Der Vorstand fühlte sich auf dem Gewinnpolster so sicher, daß er die technische Entwicklungsarbeit vernachlässigte. [...] Erst 1962 starteten die Frankfurter nach sechsjähriger Konstruktionsarbeit ihr erstes elektrisches Schreibmaschinen-Modell. Der Spätling bot keine besonderen technischen Vorzüge, aber er kostete mehr als jedes andere Modell der Konkurrenz: 1895 Mark die Normalausführung und 1685 Mark der vereinfachte Typ:
Bald häuften sich die unverkauften Torpedo-Tipper im Fabriklager. Bei erbitterten Wettbewerbskämpfen zog Torpedo stets den kürzeren, denn die in Massenserien produzierende Konkurrenz konnte ihre Maschinen zu Preisen verkaufen, die zum Teil unter den Herstellungskosten des deutsch-amerikanischen Zwitters lagen.
Als 1925 in Lehrs Heimatstadt Frankfurt das Stadion gebaut wurde mit einer 400 Meter langen Radrennbahn, ließen ihm die Brüder Adam und Fritz von Opel dort ein Denkmal aus Bronze errichten. 2005, während des Umbaus des Frankfurter Waldstadions für die Fußball-Weltmeisterschaften, verschwand das Denkmal spurlos.
So geht das in Frankfurt mit der Geschichte, da verschwindet schon mal ein Denkmal “spurlos”. Zwar brüstet man sich gut frankfurterisch auf der Website Kunst im öffentlichen Raum Frankfurt mit dem Künstler Emil Hub, vergißt dort aber zu erwähnen, dass das – dort ebenfalls erwähnte – August-Lehr-Denkmal mittlerweile ‘verlorengegangen’ ist.
Erstaunlich, Grüne und CDU wollen nach einem Bericht der Frankfurter Rundschau in der B-Ebene der Hauptwache oder in der Konstablerwache eine “große” Fahrradstation etablieren, offenbar ähnlich der letztens von uns spaßeshalber für den Frankfurter Hauptbahnhof angemahnten Bikestation Washington D.C. Doch während das schicke Washingtoner Pendant selbstbewußt und innovativ die neue Fahrradkultur im städtischen Raum demonstriert, plant Frankfurt seine Fahrradstation “unterirdisch” (wohl damit weiterhin genügend Platz für das berühmt-berüchtigte “tschechische Bierfest”, die Thailand-Wochen und andere Volksbildungsveranstaltungen bleibt).
Verwundern muß allerdings angesichts des immer stärker werdenden Radverkehrs in Frankfurt die angepeilte Größe der Fahrradstation: während in der internationalen Finanz- und Weltmetropole Münster das größte Fahrradparkhaus Deutschlands mit 3300 bewachten Stellplätzen steht, wird das beschauliche Taunusdorf Frankfurt auf seinem Dorfanger eine Fahrradstation für 100 Fahrräder errichten (und nur die FR spricht da von einem “großen” Fahrradhaus).
Offenbar scheinen die Parteien noch in der Findungsphase (und im Vorfeld der Wahlen auf Profilierung erpicht), denn im FR-Artikel heißt es unheildräuend, dass
“überhaupt Einzelheiten der Fahrradstation noch ungeklärt sind. „Unsere Fachleute müssen die Details jetzt prüfen“, sagt Beate Menger, Sprecherin von Verkehrsdezernent Lutz Sikorski (Grüne).
Bleibt zu hoffen, dass bei so gigantomanischen Planungen wie 100 “unterirdischen” Fahrradstellplätzen nicht die gleichen “Fachleute” die Details prüfen, die fast den neuen Fahrradweg auf der Friedberger Landstraße in einen gefährlichen, mit Laternenpfählen gespickten Slalomweg verwandelt hätten…
Wir sind gespannt, was unsere Lokalpolitiker aus Stuttgart 21 gelernt haben und wie die Bürgerbeteiligung bei dem Vorhaben aussieht. Doch während in Stuttgart eine verkehrspolitische Hybris den neuen Bahnhof zu einem hypertrophen Milliardengrab machen wird, scheint man in Frankfurt klein, allzu klein, zu denken. Man schaue sich an einem einigermaßen sonnigen Tag die große Zahl der Fahrräder auf der Zeil an – und denke dann an einen “unterirdischen”, wahrscheinlich nicht sehr heimeligen Platz für gerade mal 100 Fahrräder. Verkehrspolitik in Sachen Fahrrad könnte anders aussehen.
Wir bitten die werten Leser und Leserinnen um wohlwollende Beachtung des eingegangenen Kommentars zu unserem Artikel über den neuen Radweg auf der Friedberger Landstraße, auf dem merkwürdigerweise Laternensockel aus dem Boden wachsen.
Ein Schildbürgerstreich erster Güte, auf den man durch den FAZ-Artikel jetzt wohl auch im Verkehrsdezernat der Stadt Frankfurt aufmerksam geworden ist.
Hier auch nochmal der in dem hilfreichen Kommentar verlinkte Artikel in der Frankfurter Neuen Presse vom 26.11.2010: Laternen blockieren Radweg.
Auf das Bild klicken, um den FAZ-Artikel als PDF (ca. 170 Kb) herunterzuladen
Dass in der Frankfurter Verkehrsverwaltung und im Straßenbauamt nicht gerade die besten und innovativsten Köpfe sitzen, ist uns schon mehrmals und an verschiedenen Orten und Gelegenheiten aufgefallen. Offenbar verliert die Stadt Frankfurt aber nun, langsam aber sicher, den Anschluß an die laufende “Abstimmung mit den Füßen mit Fahrrädern”, denn es sind immer mehr Fahrradfahrer auf den Straßen zu beobachten, während der Bau und die Pflege von Radwegen und sicheren Radtransfers deutlich hinterherhinkt.
Einen weiteren traurigen Beweis für eine solche solide “So-weiter-wie-bisher”-Mentalität und, bei genauerer Betrachtung, sogar eine echte Lokalposse, liefert die FAZ. Was hätten wir uns über einen Bericht gefreut, der auf der Friedberger Landstraße einen Express-Fahrradweg für die Anschließung der neuen Stadtviertel oberhalb der Friedberger Warte oder Bad Vilbels an die Innenstadt beschreibt. Oder doch zumindest einen Radweg, der der immer größer werdenden Zahl an Radfahrern (und ihrer zunehmenden Geschwindigkeiten) Rechnung trägt.
Aber was müssen wir unter der Überschrift “Neues Ärgernis für Fahrradfahrer” in der – sicherlich nicht des Fahrrad-Aktivismus verdächtigen – FAZ vom 27. November lesen
“Eine Radfahrer-Falle hat das Straßenbauamt jetzt an der Friedberger Landstraße gebaut. Mitten auf den stadteinwärts führenden Radweg pflanzten die Straßenbauer Masten für Straßenaternen. Bis ein Radfahrer in der Dunkelheit gegen eines der Hindernisse prallt, ist vermutlich nur eine Frage der Zeit.”
Wieder wird vom Straßenbauamt eine Chance verspielt. Mit einer mutigen, den Fahrradverkehr klar zeigenden und bevorzugenden Lösung hätte man gerade die äußeren neuen Stadtteile besser einbinden können und den Autoverkehr auf der vor allem von Pendlern genutzten Friedberger Landstraße in seine Schranken weisen können. Nichts dergleichen tut man — und wundert sich dann, warum in der Innenstadt in Sachen Verkehr “nichts mehr geht”.
Na, das gibts aber selten, dass die lieben Nachbarn sich mal lobend äußern. Jedenfalls wird Katrin Eder, grüne Kandidatin für das Amt der Grün-, Umwelt- und Verkehrsdezernentin, in der Allgemeinen Presse folgendermaßen zitiert:
„Man guckt als Mainzer nicht gerne nach Frankfurt“, sagte Eder. „Aber was das Fahrradfahren angeht, sollte man es tun – weil es dort einen anderen Stellenwert hat.“ In Frankfurt werde eine Kampagne nach der anderen gestartet, um die Leute aufs Rad zu lotsen. In Mainz gibt es in den Augen der rot-grünen Altstadt-Koalition deutlich Luft nach oben in Sachen Fahrradfreundlichkeit.
Dem Ankündigungstext nach geht es aber um die Stadtentwicklung Frankfurts. Und darum, “wie sich die Stadt und ihre Räume im Ganzen und in Zukunft entwickeln sollen”. Das klingt interessant, aber auch etwas nach verquastem Soziologendeutsch. Aber dann wird’s konkret, denn weiter heißt es:
Dabei steht der Frankfurter Städtebau immer noch im Zeichen des Sowohl-als-auch: Während viele Menschen nach identitätsstiftenden, kleinteiligen Räumen suchen, werden zugleich neue Stadtteile – Europaviertel, Airport-City – wie am Reißbrett entworfen; Mittelalterliche Rekonstruktion existiert mühelos neben futuristischen Architekturentwürfen. Einerseits werden die öffentlichen Räume zunehmend von Großveranstaltungen “besetzt”, von privaten Sicherheitsdiensten reguliert und durch Einkaufszentren ersetzt – Andererseits steht die “Renaissance der Stadt” gegen ihre Privatisierung: Viele Menschen ziehen aus dem Umland wieder in die Städte und entdecken die urbanen Qualitäten von Straßen, Plätzen und Parks neu.
Diskutiert werden soll über die Funktion des städtischen Raums für die Stadtgesellschaft und münden tut das alles in die Frage, die auch uns bewegt: “Wohin mit Frankfurt?”. Hier die Liste der diskutierenden Gäste:
Jan Seghers, Krimi-Autor
Marianne Rodenstein, Soziologin und Stadtforscherin, Autorin einer Studie über Hamburg und Frankfurt.
Stefan Forster, Frankfurter Architekt und Experte für Stadtentwicklung und -Umbau
Stefan Majer, Stadtverordneter der Grünen und planungspolitischer Sprecher und Projektleiter
Der Blick auf andere Städte lohnt sich immer wieder. Und sei es nur, um zu sehen, dass Frankfurt am Main noch einen deutlichen Nachholbedarf in Sachen Fahrradkultur hat: die drittgrößte schwedische Stadt Malmö hat eine Kampagne gestartet, um “lächerliche / vernachlässigenswerte Autofahrten” zu brandmarken und zu verhindern: Inga Löjliga bilresor
Sehr schöne Idee: Autofahrer konnten mit einer Beschreibung ihrer lächerlichsten Autofahrt an einer Verlosung teilnehmen – und ein Fahrrad gewinnen. Man stelle sich das hier in Frankfurt vor, da wäre die Konkurrenz groß: “Bin mit dem Auto gefahren, um vor dem Café Karin meine neuen Felgen und den tollen Sound meines Autos vorzuführen…”
Martin Lang hat die Macherinnen zu der erfolgreichen Kampagne befragt:
Ach, hätten wir doch nur mehr Zeit für unseren Blog. Nun wollen wir aber nach dem Urlaub und allerlei anderen Aktivitäten endlich unserer Chronistenpflicht nachkommen und Gerechtigkeit walten lassen. Hatten wir doch in einem ersten Beitrag über einen gefährlichen Radweg in der Stephanstraße darüber geschrieben, dass das Fahradbüro zwar auf eine Meldung über das Kontakt-Formular des Büros schnell geantwortet und Abhilfe zugesagt hatte, dann aber nicht ganz so schnell aktiv wurde, wie in einem zweiten Beitrag angemerkt wurde.
Nun, und – das muß man ehrlichweise sagen: schon vor einiger Zeit – hat das Radfahrbüro tatsächlich gehandelt und die schöne Pixelwelt mit der handfesten und Materie verändernden Welt des Straßen- und Radwegebaus vertauscht. Unser morgendlicher Weg zur Arbeit vorbei (!) an dem Radweg wurde damals denn auch von einem Bautrupp unterbrochen, der eifrig an dem Radweg werkelte. Hier Fotos kurz vor Fertigstellung des Radweges, aufgenommen morgens am 24.6.2010:
Einige Tage später gab es dann sogar eine amtliche E-Mail von Martin Boré, dem “Radfahrbeauftragten” (tz, tz, tz, Titel gibts…):
Der Schaden ist mittlerweile behoben. Wie sie auf dem beigefügten Foto sehen können, musste an zwei Stellen der gesamte Gehweg angehoben werden. Wir wünschen Ihnen weiterhin gute Fahrt.
Hier das zugesandte Foto:
Und in der Tat muß man sagen, dass der Fahrradweg professionell und gut repariert wurde und inzwischen von den vielen Radfahrern auch wieder verstärkt genutzt wird. An dieser Stelle ist die Benutzung des Radwegs übrigens ein echter Beitrag zur Verkehrssicherheit, denn die Stephanstraße verengt sich hier und läßt keinen Platz für das gleichzeitige Passieren von Autos und Radfahrern. Also, liebe Mitradler: der Fahrradweg kann wieder benutzt werden!