17. Feb 2011 0
Frankfurter Fahrradgeschichte. Und: warum in Frankfurt schon mal ein Denkmal verlorengeht.
Ein bezauberndes Video eines Steher-Rennens kursiert zur Zeit in den Fahrradblogs:
Dieses Rennen lief offenbar am 7. Oktober 1928 auf der Rütt-Arena in der Berliner Hasenheide. Die Bahn bestand nur 1926-1931, sie fand durch einen Brand ein Ende. Heute befindet sich an der Stelle ein Regen-Auffangbecken für den Flughafen Tempelhof. Ein Lokalhistoriker hat die Geschichte der Rütt-Arena im Internet liebevoll zusammengetragen, so kann man immerhin einiges erfahren über die Radrennbahn erfahren, die der Radrennfahrer Walter Rütt nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn betrieb.
Ein weiteres Video auf Youtube beleuchtet Stationen des Karrierewegs von Walter Rütt (1883-1964), der 1911 das Sechstagerennen in Frankfurt gewann, übrigens in der Festhalle an der heutigen Messe.1
Eine Kurz-Biographie von Rütt, seine Zeit als NSDAP-Mitglied und Trainer auf dem Frankfurter Sportfeld nicht aussparend, kann man hier nachlesen.
Interessanterweise findet sich in dem Video nicht nur ein Erinnerungsfoto mit der Aufschrift “Frankfurt am Main” (bei 1:15 min), sondern vor allem “Walter Rütt fährt nur Torpedo-Rad” und “Walter Rütt auf Torpedo-Rad, auf dem er die Weltmeisterschaft gewann”. (Später heißt es dann “Walter Rütt fährt nur ‘Mifa’-Rad“, schon die damaligen Profis mussten halt immer ihr Fähnchen nach dem Wind hängen…;-).

Die Weil- bzw. Torpedo-Werke in Frankfurt stellten vor allem Schreibmaschinen und Fahrräder her (während die “Torpedo-Freilaufnabe” in Schweinfurt hergestellt wurde). Die zunächst in Rödelheim, später an der Hanauer Landstraße 208-214 hergestellten Fahrräder wurden unter den Markennamen “Weil-Räder” und “Torpedo-Räder” vertrieben, die Fertigung lief bis 1956, ab 1952 allerdings in Alzenau (der dortige Nordpark Alzenau schmückt sich noch heute mit der Torpedo-Tradition). In den online zu findenden Firmengeschichten und Beschreibungen finden sich, für deutsche Firmengeschichten nicht untypisch, merkwürdige Lücken für die Jahre zwischen 1933 und 1945 (außer den Zerstörungen der Firmengebäude und Produktionsanlagen, die immer erwähnt werden). Dass die Torpedo-Werke natürlich eng in die Kriegsproduktion eingebunden waren, zeigt dieses Foto eines mit Handgrananten ausgestatten Torpedo-Fahrrads. Die Einbindung in die Kriegswirtschaft ist nicht ohne Geschmäckle und historischen Witz, gehörte doch die Aktienmehrheit der Torpedowerke seit 1931 zum amerikanischen Bürmomaschinenhersteller Remington Rand, der damit nicht nur an der deutschen Kriegsproduktion beteiligt war, sondern auch gemeinsame Wurzeln mit dem noch heute existierenden Waffenhersteller Remington hat. (Wie überhaupt Fahrräder, Schreibmaschinen und Waffen aufgrund ihrer mechanischen Ähnlichkeiten auf merkwürdige Weise verbunden sind, die Torpedo-Werke und Remington sind für diese obskure Mixtur – heißt es nicht immer, die Schreibmaschine sei die Waffe des Wortes? – nur zwei besonders deutliche Beispiele.)


Trotz einer überaus erfolgreichen Büromaschinen-, Fahrrad- und später Mopedproduktion ist der folgende Niedergang der Frankfurter Torpedowerke “typisch für den Abstieg eines 70 Jahre alten deutschen Unternehmens”, der sich liest wie eine New-Economy-Story des Schreibmaschinenzeitalters:
In Glanzzeiten brillierte Torpedo als Kurskomet des Börsenhimmels mit 5000 Punkten, heute sind die Torpedo-Aktien nicht mehr gefragt.Bis 1958 hatte die Firma mit ihren gängigen mechanischen Schreibmaschinen viel Geld verdient. Der Vorstand fühlte sich auf dem Gewinnpolster so sicher, daß er die technische Entwicklungsarbeit vernachlässigte. [...] Erst 1962 starteten die Frankfurter nach sechsjähriger Konstruktionsarbeit ihr erstes elektrisches Schreibmaschinen-Modell. Der Spätling bot keine besonderen technischen Vorzüge, aber er kostete mehr als jedes andere Modell der Konkurrenz: 1895 Mark die Normalausführung und 1685 Mark der vereinfachte Typ:
Bald häuften sich die unverkauften Torpedo-Tipper im Fabriklager. Bei erbitterten Wettbewerbskämpfen zog Torpedo stets den kürzeren, denn die in Massenserien produzierende Konkurrenz konnte ihre Maschinen zu Preisen verkaufen, die zum Teil unter den Herstellungskosten des deutsch-amerikanischen Zwitters lagen.
Spiegel vom 17.10.1966: Torpedo-Werke. Auf Sparflamme.
1967 wurde die Produktion in den Torpedo-Werken eingestellt.
Ur-Frankfurter Anekdote am Rande: in den Unterlagen des Radsport-Journalisten, Sammlers und Chronisten Fredy Budzinski (1879-1970; hier das Findbuch zu Fredy Budzinskis Unterlagen im Archiv der Sporthochschule Köln) findet sich der Hinweis auf ein “Foto: Gedenkfeier am Denkmal für den Weltmeister August Lehr in Frankfurt/Main” (mutmaßlich um 1930). Schaut man in der Wikipedia nach, wo sich denn dieses Denkmal für den ersten deutschen Weltmeisters im Radsport (immerhin ein Frankfurter!) befindet, heißt es dort lapidar:
Als 1925 in Lehrs Heimatstadt Frankfurt das Stadion gebaut wurde mit einer 400 Meter langen Radrennbahn, ließen ihm die Brüder Adam und Fritz von Opel dort ein Denkmal aus Bronze errichten. 2005, während des Umbaus des Frankfurter Waldstadions für die Fußball-Weltmeisterschaften, verschwand das Denkmal spurlos.
So geht das in Frankfurt mit der Geschichte, da verschwindet schon mal ein Denkmal “spurlos”. Zwar brüstet man sich gut frankfurterisch auf der Website Kunst im öffentlichen Raum Frankfurt mit dem Künstler Emil Hub, vergißt dort aber zu erwähnen, dass das – dort ebenfalls erwähnte – August-Lehr-Denkmal mittlerweile ‘verlorengegangen’ ist.
Hier eine Zeittafel der Weilwerke:
- Auch später diente die Festhalle noch als Ort für Sechstagerennen, hier sieht man 1951 den Radrennbahn-Architekten (und ehemaligen Radprofi) Clemens Schürmann in der Frankfurter Festhalle bei der Planung der Rennbahn. [↩]






